Runderneuerte Reifen

Auch wenn runderneuerte Reifen meist immer noch günstiger sind als ein Neureifen und auch in Sachen Nachhaltigkeit einige Vorteile bringen, haben sie bei den meisten Autofahrern hierzulande keinen besonders guten Ruf. Wir haben uns der recycelten Reifen einmal angenommen und klären, wie gut und wie sicher die Pneus mit dem zweiten Leben wirklich sind.

Runderneuerte Reifen – eigentlich gang und gäbe

Der normale Lebenslauf eines Reifens sieht vor, dass er nach zirka vier bis sechs Jahren im Betrieb verschlissen ist und dann wieder zum Reifenhändler zur Verwertung zurückkehrt. Doch es gibt eben auch runderneuerte Reifen, denen ein zweites Leben geschenkt wird. Früher war die Runderneuerung der Reifen sowohl in der alten BRD, als auch in der ehemaligen DDR eine gängige Praxis. In den östlichen Landesteilen war bis zuletzt sogar jeder zweite Pneu ein runderneuerter. Nur durch dieses Recycling konnte überhaupt der Bedarf in beiden Teilen Deutschlands in Sachen Bereifung gedeckt werden, denn Materialien und auch die Technik zur Herstellung waren im Nachkriegsdeutschland äußerst knapp.  Diese Denkweise aus den frühen Jahren unseres Landes ist vielleicht auch ein Grund für den eher schlechten Ruf dieser Reifenart: Sie war lediglich aus dem Mangel heraus geboren und heute verfügt man doch über eigentlich viel fortschrittlichere Technologien.

Dabei gibt es durchaus Branchen und Anwender, die im täglichen Betrieb immer noch gerne auf runderneuerte Reifen zurückgreifen. Gerade bei großen Baumaschinen oder im Nutzfahrzeugbereich sind Recyclingreifen immer wieder anzutreffen. Auch viele Airlines rüsten ihre Flugzeuge mit runderneuerten Pneus aus. Und in der Luftfahrt wird ein Reifen sogar bis zu fünf oder sechs Mal runderneuert, ehe er dann wirklich in den Müll wandert. Im Gegensatz dazu: Ein Autoreifen darf nur ein einziges Mal runderneuert werden. Und auch im kostenintensiven Motorsport setzen viele Teams auf die Senkung ihrer Fixkosten durch die Verwendung der Runderneuerten.

Wie entsteht ein runderneuerter Reifen?

Im Grunde gilt beim runderneuerten Reifen das Motto „Aus alt mach neu!“, denn es handelt sich hierbei um neuwertige Reifen, die aus Gebrauchtreifen hergestellt werden. Hat also ein Reifen nun das Ende seiner Lebensdauer erreicht, das heißt, dass sein Profil noch höchstens 1,6 Millimeter tief ist, so wird er beim Runderneuerer eingeliefert. Der prüft erst einmal die Karkasse auf sichtbare Schäden. Dann wird der Reifen mittels Shearografie (kurz für Laser Speckle Shearing Interferometrie), einer Lasertechnologie, durchleuchtet und bei festgestellten Beschädigungen sofort aussortiert. Dadurch bleiben am Ende dieses Prüfprozesses lediglich noch 30 % der eingegangenen Karkassen übrig, die dann weiter zu runderneuerten Reifen verarbeitet werden können. Die für die weitere Verarbeitung zugelassenen Gebrauchtreifen werden nun millimetergenau von ihrem alten Laufflächengummi befreit, bis nur noch die Kontur übrigbleibt. Das bei diesem Prozess, dem sogenannten Rauen, anfallende Gummimehl wird nicht entsorgt, sondern kommt beim Straßenbau oder auch beim Bau von Sport- und Spielflächen als Recyclingmaterial wieder zum Einsatz. Danach geht es an das Belegen der Karkasse in einem schablonengesteuerten Belege-Extruder. Darin wird eine Rohgummimischung aufgebracht, die in ihrer Zusammensetzung der Mischung eines Neureifens sehr ähnelt. Überwacht und unterstützt wird dieser Prozess durch Kamerasysteme und Lasermessvorrichtungen. Jetzt bekommt der Reifen sein neues Profil. Dazu werden die Reifenrohlinge einer der vielen Heizpressen zugeführt, in denen unter einem Druck von rund 15 bar und bei einer Temperatur von 160 °C das neue Profil eingebracht wird. Ein Arbeitsschritt, der genauso auch bei der Neureifenproduktion zur Anwendung kommt und bei dem die vorher aufgebrachte Gummimischung vom plastischen in den elastischen Zustand übergeht. Zum Abschluss geht es für den runderneuerten Reifen dann noch zur Endkontrolle, wo Rundlauf- und Druckprüfungen stattfinden. Zudem entfernt man auf halbautomatischen Entgrat-Maschinen überschüssiges Gummimaterial. Die Sicherheitsprüfungen sind äußerst streng und die Sicherheitsanforderungen sehr hoch, so dass die finanziellen Aufwendungen, um einen professionellen Runderneuerungsbetrieb zu betreiben, stark zugenommen haben. Das erklärt auch, dass es hierzulande nur noch zwei Betriebe gibt, die runderneuerte Reifen herstellen. Doch nur durch die strengen Vorgaben kann maximale Sicherheit garantiert werden.

Nur mit der Kennzeichnung R

Ein runderneuerter Reifen trägt auf der Reifenflanke die Kennzeichnung R (für runderneuert, retread oder retreaded). Das Herstellungsdatum des Runderneuerten wird, genau wie beim Neureifen auch, auf der Reifenaußenseite mit vier Ziffern dargestellt. Dabei bilden die ersten beiden Ziffern die Produktionswoche ab und die beiden hinteren Ziffern zeigen das Produktionsjahr an. Wenn man also die Zahlenkombination 4218 liest, dann ist der runderneuerte Reifen in der 42. Kalenderwoche im Jahr 2018 hergestellt wurden. Genau wie Neureifen, müssen auch Reifen mit einem zweiten Leben das „ECE-Prüfzeichen“ (Economic Commission for Europe) tragen. Nur damit dürfen die Reifen auch hierzulande gefahren werden. Dabei ist das E von einem Kreis oder von einem Rechteck eingefasst. Damit wird bestätigt, dass das Produkt den europäischen Normen entspricht. Hierzulande müssen recycelte Reifen die Prüfnummern 108 für PKW- und 109 für LKW-Reifen tragen, wobei E1 für das Herstellungsland Deutschland steht.

Ein Plus für die Umwelt?

Jeder Altreifen, der runderneuert wird und nicht gleich im Abfallkreislauf landet, trägt zur Entlastung der Umwelt und zur Reduzierung der Müllberge bei. Deshalb sind runderneuerte Pneus besonders für Verbraucher mit einem erhöhten Umweltbewusstsein bestens geeignet. Neben der ressourcenschonenden Wiederverwendung der Karkassen wird auch in den Fertigungsprozessen bei der Runderneuerung selbst im Vergleich zur Neuproduktion werden 70% Energie eingespart. Das resultiert daraus, dass der gesamte Unterbau vom Reifen wiederverwendet wird und so die Energie, die für die komplizierte Produktion der Karkasse mit ihren Stahlcordeinlagen anfällt, eingespart werden kann. Ein weiterer Umweltvorteil ist die erneute Verwendung des bei der Runderneuerung anfallenden Raumehls.